Graz ist an den eigenen Mobilitäts-Zielen gescheitert.

Die Hauptgründe hierfür sind ganz ohne Zweifel die unzähligen Verzögerungen und Versäumnisse beim Ausbau des Straßenbahn- Netzes. Anstatt diese Versäumnisse nun endlich aufzuholen geht die Stadt leider einmal mehr den Weg des geringsten Widerstandes – und will die Ziele kurzerhand nach unten korrigieren.

Der Modal Split in Graz wird vom motorisierten Individualverkehr (MIV) dominiert. Die aktuellsten Zahlen, die derzeit noch nicht vorliegen, werden dies mit Sicherheit bestätigen. Wenig überraschend, denn während etwa Linz und Innsbruck ihre Straßenbahnnetze zügig ausbauen, herrscht in der steirischen Landeshauptstadt vor allem Stillstand. Dabei wirken sich gerade in einer wachsenden Stadt höhere Anteile an „sanfter Mobilität“ (ÖV, Radfahrer, Fußgänger) nachweislich positiv auf die Verkehrssituation aus (siehe hierzu beispielsweise „Copenhagenization“ und „Road Diet“).

Da Graz den Ausbau des Schienennetzes seit Jahren verschläft, ist auch die angestrebte Mobilitätswende nicht eingetreten. Spätestens jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, um sich an dem Ausbautempo der oben genannten Landeshauptstädte zu orientieren: In Linz wurden durchschnittlich 2 Kilometer pro Jahr neu gebaut. Aber die Politik hat einen einfacheren, bequemeren – aber natürlich auch wenig zielführenden – Weg gewählt: Die Mobilitätsziele wurden kurzerhand für „zu ambitioniert“ erklärt und sollen nun aufgeweicht werden. So kann man Ziele „erreichen“, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ein klareres Eingeständnis der gescheiterten Verkehrspolitik in unserer Stadt ist schwer vorstellbar.

 

E-Busse sind keine Alternative zum Straßenbahnausbau – die Straßenbahn ist beliebter

Zuletzt wurde von ÖVP und FPÖ wieder einmal das Thema E-Busse aufgegriffen. Dazu ein Blick in die aktuellen Fahrgastzahlen der Graz Linien: Im Jahr 2017 wurden 117,2 Millionen Passagiere befördert, davon rund 57 Prozent (61,3 Millionen) mit der Straßenbahn, obwohl das derzeitige Schienennetz mit nur sechs Linien und etwa 34 Kilometern Netzlänge viel kleiner als das Busnetz (ca. 40 reguläre Linien) ist. Die Straßenbahn ist und bleibt das beliebteste öffentliche Verkehrsmittel der Grazerinnen und Grazer. Die zahlreichen erfolgreichen Tramprojekte in diversen Städten (aktuell beispielsweise in der zweitgrößten dänischen Stadt Århus – siehe: http://www.urbanrail.net/eu/dk/aarhus/aarhus.htm) untermauern die Erfolgsgarantie der Straßenbahn als modernem urbanen Verkehrsmittel. Wir empfehlen den Verantwortlichen hierzu dringend eine Recherche zum Thema „Straßenbahn- Renaissance“. E-Busse sind eine sinnvolle Ergänzung, aber keine Alternative zum Ausbau der Tram in Graz.

 

Pro Bim fordert: Aktuelle Projekte ohne Verzögerungen umsetzen und weitere Projekte vorbereiten

Die Verlängerungen nach Reininghaus und Smart City, sowie die Entlastungsstrecke über die Neutorgasse sind jedenfalls ohne weitere Verzögerungen in dieser Periode umzusetzen. Die Projekte sind ohnehin nicht mehr im Zeitplan: die Strecken in die neuen Stadtteile sollten ursprünglich 2019 in Betrieb genommen werden, die Entlastungsstrecke eigentlich schon seit Jahrzehnten fertig sein.

Weitere Neubaustrecken (Neuplanung der Südwestlinie, Nordwestlinie, Anbindung der KF-Uni, Verlängerung zum Center West usw.) sind rechtzeitig vorzubereiten, sodass nach Fertigstellung der aktuellen Projekte nahtlos weitergearbeitet werden kann.

 

„Gleichberechtigtes Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmer“ bei gleichzeitiger Ablehnung jeglicher Einschränkungen für den MIV ist ein Widerspruch.

Abschließend noch ein paar klare Worte an jene Mitglieder des Gemeinderates, die zwar angeblich für ein gleichberechtigtes Nebeneinander eintreten wollen, dabei aber jegliche Beschränkungen für den Individualverkehr kategorisch ablehnen. Sie sind eingeladen, sich mit dem schwierigen Thema Verkehrsplanung ganzheitlich auseinanderzusetzen und dieses nicht auf Stammtischniveau zu reduzieren. Es sollte allen klar sein, dass die für eine Mobilitätswende benötigte Infrastruktur mitunter nur durch eine Neuorganisation der bestehenden Verkehrsflächen realisiert werden kann.

 

DOWNLOAD: PA 2018-01-22 – Mobilitätsziele

 

Weiterführende Informationen:

VCÖ 4_2016 Kapitel Rückbau von Stadtautobahnen

https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance_der_Stra%C3%9Fenbahn

 

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