Schluss mit Fahrgast-Schikanen und Straßenbahn-„Entschleunigung“

Während andere Städte ihre Straßenbahnnetze ausbauen und beschleunigen, passiert in Graz das genaue Gegenteil. Ausbauten werden grundlos verschoben und immer wieder werden die Fahrgäste durch neue Schikanen verärgert. Einer der jüngsten Schildbürgerstreiche ist eine „Sicherheitshaltestelle“ in der Leonhardstraße, die nicht nur hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit fragwürdig sondern obendrein noch gefährlich ist!

Stellen Sie sich bitte kurz folgendes Szenario vor: Auf der verkehrsreichsten Straße in Graz beschweren sich einige Anrainer über den Autolärm. Daraufhin wird Schritttempo (10 km/h) auf einigen Abschnitten dieser Straße verordnet. Klingt absurd? Beim öffentlichen Verkehr ist eine derartige Situation leider seit einigen Monaten Realität. Weil Anrainern die Straßenbahnzüge der Linie 7 beim Überfahren einer Weiche im Bereich Reiterkaserne zu laut waren, müssen alle Fahrzeuge auf der fahrgastreichsten Grazer Linie nunmehr vor besagter Weiche vollständig abgebremst werden und anschließend im Schritttempo weiterfahren. Für die fast 50.000 täglichen Fahrgäste der Linie 7 bedeutet diese unnötige Maßnahme einen nicht zu rechtfertigenden Zeitverlust, zumal die Straßenbahn durch das Stehenbleiben auf ihren Vorrang gegenüber Fußgängern, Abbiegern und Querverkehr verzichtet.

Hinzu kommt die potenzielle Gefährdung der zahlreichen Schulkinder aufgrund dieser unsicheren und ungewohnten Situation: Grundsätzlich wissen nämlich bereits die Kinder, dass Straßenbahnen auch am Schutzweg Vorrang haben und auf diesen im Normalfall nicht verzichten. Darüber hinaus ergaben unsere Beobachtungen, dass es bereits des Öfteren zu Beinahe-Kollisionen mit abbiegenden KFZ gekommen wäre. Die „Sicherheitshaltestelle“ ist also tatsächlich ein neuer Gefahrenpunkt im Netz.

Während sich nach außen hin alle Parteien die zur Straßenbahn und deren Ausbau bekennen, wird hinter den Kulissen konsequent daran gearbeitet, das (theoretisch) leistungsfähigste Verkehrsmittel in Graz zu schwächen und auszubremsen.

  • Ein nicht unwesentlicher Teil des Netzes (auch Vorrangstraßen!) muss mit 30 km/h (oder weniger) befahren werden, um lärmgeplagte Anrainer zufriedenzustellen (z.B. Theodor-Körner-Straße).
  • Auch die Gleiskörper sind teilweise in schlechtem Zustand (z.B. Mariatroster Tal – die Sanierung wurde hier aber leider um ein Jahr von 2014 auf 2015 verschoben), was ebenfalls zu einer Drosselung der Geschwindigkeit führt.

Pro Bim sagt: Schluss damit! Schluss mit straßenbahnfeindlicher ÖV-Politik, Schluss mit den Kniefällen vor einzelnen Querulanten und Wutbürgern, auf Kosten der Fahrgäste! Die Straßenbahn muss nicht nur ausgebaut, sondern auch im bestehenden Netz beschleunigt und bevorrangt werden.

Die aktuellen Statistiken zum „Modal Split“ – also zur Verteilung der Verkehrswege auf unterschiedliche Mobilitätsformen – zeigen klar, dass die Grazer Verkehrspolitik ihre Ziele klar verfehlt. Ausbaustillstand und fehlende Motivation der Regierungsparteien führten erstmals seit Jahren wieder zu einem Anstieg des motorisierten Individualverkehrs.

Pro Bim hat übrigens im Vorfeld dieser Pressemitteilung mehrfach das Gespräch zu den HGL gesucht. Im Dezember 2013 wurde uns mitgeteilt, dass man um eine Lösung bemüht sei. Zuletzt wollte man davon allerdings nichts mehr wissen: Die „Sicherheitshaltestelle“ sei betrieblich notwendig, brächte keinerlei Beeinträchtigungen und sei ohne jeden Einfluss von politischer Seite beschlossen worden, hieß es. Wir haben gute Gründe, an dieser Behauptung zu zweifeln und kämpfen daher weiter für eine leistungsfähige Straßenbahn in Graz, die ausgebaut und beschleunigt, statt ausgebremst und kaputtgespart wird.

Video: http://youtu.be/NTBxYejBbiA

DOWNLOAD: Sicherheitshaltestelle

2 comments for “Schluss mit Fahrgast-Schikanen und Straßenbahn-„Entschleunigung“

  1. Roland Hartmann
    25. April 2014 at 21:56

    Nicht Lärm sondern bebenartige Vibrationen durch den Variobahnbetrieb bringen die Anrainer auf die Palme. Öffis sollten umweltverträglich sein. In einer Dauererdbebenzone Straßenbahnschienenkörper will der leidenschaftlichste Verfechter des ÖVs nicht wohnen oder arbeiten oder ein Haus besitzen oder einen Gewerbebetrieb haben. Anwohnerverträgliche Trams sind gefordert und nicht solche die die Menschen aus ihren Häusern neben der Straßenbahnlinie vertreiben. Die Leute in der Theodor-Körnserstraße sind für den ÖV aber gegen schlaflose Nächte wegen der Erschütterungen.

    • Stefan Kompacher
      5. Mai 2014 at 11:21

      Dennoch sind „Sicherheitshaltestellen“ und Langsamfahrstrecken keine Lösung für dieses Problem und insbesondere einem attraktiven ÖV nicht zuträglich. Die Graz Linien müssen ihre Fehler eingestehen und Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen ziehen. Das sukzessive Kaputtbremsen der Straßenbahn nützt niemandem.

      Zum Thema „schlaflose Nächte“: Vorübergehend würde es doch genügen, die Straßenbahn nur zB zwischen 20 Uhr und 6 Uhr zu entschleunigen. Ein 24/7-Tempolimit ist einfach unverhältnismäßig und beweist im Prinzip nur, dass sich die HGL vor etwaigen Konsequenzen ihrer inkompetenten Verkehrspolitik fürchten.

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